schmerz schreiben trauer

Entzündung hin Schmerzgedächtnis her… Gehen wir doch mal
in medias res des eigenen Schreibprozesses!

Entlang der Erzählung leseprobe_artgerecht_schlachtung, die meine eigene Schreibweise halbwegs gut dokumentiert, rückverfolge ich Schreibprozessetappen, Anker auf der Suche, meinen oder vieleicht auch den Schreibprozess schlechthin zu strukturieren.

Etappe 1: Präparation.
Themenfokussierung durch Aufmerksamkeit auf die „innere Stimme“. Was ist das?
Die Erzählung wurde initiiert durch einen Mordfall in einer NRW-Kleinstadt, in der ich 2010 zwei Monate lang ein Schreibstipendium wahrgenommen habe.
Bereits die erste Ortsbegehung in der Nähe des Stipendiatenhauses macht mich auf eine Gedenkstelle für einen Jungen aufmerksam:
Kreuz und Bild unter einem Baum am Rand eines Spielplatzes.
Kurze Zeit später erfahre ich von dem Mord, der ein Jahr zuvor in der Nähe der Gedenkstelle passiert ist.
Ortsbegehung und Informationen setzen einen „inneren Film“ in Gang und den Wunsch, das Unfassbare gedanklich zu rekonstruieren.
Die „innere Stimme“ springt zwischen Täter, Opfer und weiteren erdachten Personen hin und her, das Ereignis wird „sondiert“ und befragt.
Aus dieser gedanklichen Befragung entsteht fast programmatisch eine Art essayistisches Vorwort.
Etappe 2: Handschriftliche Notizen als Ergebnis von Etappe 1 zu Sätzen formulieren.
Etappe 3: Gedanken, die simultan beim Übertrag auftauchen, wahrnehmen und gedanklich festhalten oder loslassen oder einfließen lassen. Innen-Außenwahrnehmung.
Etappe 2 und 3 vermischen sich im Schreiben der Erzählung nahtlos mit Etappe 4, werden aber auch zeitweise aufgesplittet. Weitere Ortsbegehungen gehen dem konkreten Schreibprozess voraus: einige kurze Begegnungen mit Ortsbewohnern, kurze Gespräche. Teilweise gibt es dann stichpunktartige Notizen, ansonsten wird der Text als Fließtext quasi vor dem inneren Auge zu einer Erzählung, die zu dem zentralen Ereignis hinführen soll, situativ den Ort und seine Bewohner einkreisen will.

In diesem Prozess vermischen sich für mich die von Ortheil genannten Schreibertypen; ich kann rückblickend aber keine klare Unterscheidung bzw. kategoriale Zuweisung in meinem Schreiben erkennen, Gewichtung vielleicht beim bildlich-anschaulichen Typus…
Der intuitive Rückgriff auf verschiedene „Stile“, auch der Versuch, mittels phonetisch-klanglicher Modi den Ort und das dräuende Ereignis zu fokussieren, hat Werkstatt-Charakter, eine Art handwerkliche Finte, die der Fiktion viel Möglichkeit an Tiefe nimmt, was den weiteren Arbeitsprozess im Sinne einer „gelungenen“ Erzählung negativ bestimmen wird.
Etappe 4: Reflektionen während dieses „multi-level“- Vorgangs vor dem inneren Augen behalten.
Etappe 5: Redaktion
Ich überarbeite den Text Kapitel 1 sprachlich und empfinde ihn als unzulänglich.
Gegen die Zweidimensionalität der Figuren, die scherenschnitthafte Betrachtung oder Anlage der Charaktere finde ich zunächst keine Strategie.
Der Text soll –denke ich- eine bestimmte Dynamik behalten, die Erzählung sich gedanklich einer Vertiefung der Charaktere verweigern.
Gleichzeitig erkenne ich das als Manko und lasse den Text zunächst schmoren.

Katrin Girgensohn bezeichnet die von mir Etappen genannte Schreibprozessfolge in ihren „Schreibstrategien“ als die Phasen

„Orientierung, Recherche, Strukturierung, Schreiben der Rohfassung und Überarbeitung.“

Schreibprozess

Der Text der Erzählung Kapitel 1 hat –nachdem er in drei bis vier Tagen quasi „runter geschrieben“ wurde, zwei Wochen gelegen, wurde dann sprachlich redigiert, hat aber im Großen und Ganzen inhaltlich keine Veränderung mehr erfahren.
Ich gebe mich mit der Scherenschnitthaftigkeit der Charaktere zufrieden, will den Text aber mit einem abschließenden Was kommt danach mit dem Intro verklammern, das Ereignis erzählerisch also eher versachlichen. Das wirkt sich nachteilig für den Hauptteil von Kapitel 1 aus, verstärkt sogar noch die emotionale Distanz zum erzählten Ereignis, die bereits schon von der Scherenschnitthaftigkeit der Figuren und den fiktiven Dialogen ausgeht.
Hier hadere ich mit dem Versuch der erzählerischen Rekonstruktion des Unglücksereignisses und will die Erzählung zunächst aufgeben.
Die vorgegaukelte Authentizität, sozusagen schreiberisch produziert am Ort des Geschehens, nehme ich mir leider selbst nicht ab.

Kurze Zeit unterbreche ich den Schreibprozess und recherchiere nach Netzdokumenten zu dem Ereignis, überlege, ob ich Interviews im „Lager“ oder in der Bevölkerung, bei Freunden des Opfers oder sogar in der Vollzugsanstalt machen soll, wo der Täter seine Strafe verbüßt.

Diesen Plan gebe ich auf und beschließe stattdessen, die Unmöglichkeit, das Ereignis halbwegs nachvollziehbar authentisch nur aus der eigenen Fantasie heraus zu rekonstruieren, zu konterkarieren, indem ich das zentrale Ereignis zugunsten einer selbstreferentiell anmutenden Perspektive vernachlässige und stattdessen deutlicher den Ort selbst und die Befindlichkeit eines Fremden darin widerzuspiegeln versuche.

Diese Kapitel 2 abschließende „Markus“- Passage lässt das zuvor erzählte Ereignis jetzt fast wie einen Blick in das Gesicht des Erzählers erscheinen, wenn es nicht sogar den Erzähler andeutungsweise zum möglichen Täter stilisiert. Das geschieht aber nicht beabsichtigt, sondern reflektiert im Grunde nur das erzählerische Scheitern, das Unglück aus der Sicht von Täter und Opfer hinreichend erfasst zu haben, verstehen zu können.

Anstatt das Projekt jetzt als also gescheitert aufzugeben, stelle ich dieser Unzulänglichkeit ein weiteres Kapitel hintan und reflektiere die Möglichkeit/Unmöglichkeit resp. Unfähigkeit / Fraglichkeit, dem Schreckensereignis poetisch Herr werden zu wollen/zu können, indem ich mir die beißende Ironie erlaube der bereits selbstreferentiell angelegten Markus-Figur auch noch einen Ich-Erzähler gegenüber zu stellen.

In Markus Mitteilungen über die Begegnung mit seiner Nachbarin und deren Lebens-, Arbeits- und Reiseerfahrungen wird das zuvor fokussierte Schreckensereignis nun extrem profan. Die emotionale Aufladung des Dorfes und seiner Bewohner wird vor dem Hintergrund des kläglichen erzählerischen Scheiterns bis in den Eskapismus eines Schlagertextes am Ende der Erzählung hinein ausgehöhlt.

An dieser (re-)produzierten Leere scheitert die Erzählung für mich und schrumpft zu einem bloßen Gedanken-Schreibexperiment, das schließlich weder dem realen Ereignis, noch den daran beteiligten Menschen, noch dem erzählerischen Impuls, dem Unfassbaren eine erzählerische Stimme zu geben, gerecht wird; gerecht werden kann?

Als erzählerischer Armutsbericht… vielleicht auch von einer bestimmten Unfähigkeit zu trauern…? verfehlt dieser Spiegelkabinetttext dennoch nicht seine Wirkung. Aber lies und urteile selbst.
leseprobe3_artgerecht_schlachtung

Shock-corridor-Dead-end.-klasen

bildquelle

Was ich im Zusammenhang mit den zu Ortner, Girgensohn, Ludwig geäußerten Gedanken anmerken möchte und was sich an dem Schreibprozess dieses Textes besonders deutlich ablesen lassen mag, ist, dass motorische Prozesse, die gleichwohl in der Konzeption und der Entstehung der Erzählung eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben, zugunsten einer Rationalisierung in der konkreten Textbearbeitung, also durch Reflektion und Redaktion des Geschriebenen vernachlässigt wurden, obwohl sie bildhaft im Text eine starke Dimension aufweisen.

Eiheiji15s4592
bildquelle

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