Leiblichkeit

“The m i n d cannot be understood solely on the basis of logical rules of inner mental processes independently of the external environment. One must “put brain body and world together again” as Clark (1997) said.

Gallagher does not argue against computationalism. Rather he argues against the Cartesian view of the mind, which he gives absolute priority to the cogito, neglecting the role of the body. He intends to show that the embodiment of human beings simultaneously limits and prescribes the types of cognitive processes that are available to the mind.”

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Konzeptuelle Bezugssysteme, Vokabular, interdisziplinär zu begreifen, wie sich der Körper vom Leib unterscheidet, wie Körpererleben von Leiblichkeit phänomenologisch differenziert werden muss, die Suche nach einem Koordinatensystem, um das Wechselspiel von Gehirn, Körper und Welt zu erfassen, hierin befindet sich auch das schreibende Subjekt und es wäre interessant, zu erfahren, was alles wann wie zum Schreibprozess gehört, in etwa so, als könnte man eine Karte anlegen und den wahrscheinlichsten Weg nachzeichnen durch einen Urwald von Unwillkürlichkeit zum fertigen Text.

Das werden dann disziplingemäß, ob nun phänomenologisch, kulturanthropologisch, neurowissenschaftlich, soziologisch vorgegangen wird, wie auch immer, sicher immer nur Hilfskonstruktionen sein, den Schreibprozess (schematisiert) zu erfassen. Das Problem der Modelle unter Methodenzwang.

Hermann Schmitz, der deutsche Leiblichkeits- Phänomenologe hat u.a. zu Räumlichkeit und Leiblichkeit eine Menge verfasst und sich dann zig Jahre nach Erscheinen seines Gesamtwerks zur Leiblichkeit revidieren müssen. Wir sind auf wackligem Gelände unterwegs und wissen noch immer herzlich wenig, ums mal fahrlässig blogdeutsch zu verknappen.

„The b o d y is not part of the content of our experiences, still it influences their nature and their perspective.
Gallagher claims that the body shapes the mind at a fundamental basic level,
even if it remains “behind the scene”.

Der Körper auf der Hinterbühne des Geistes. Das ist ein schönes Bild. Der Körper, der dem on stage agierenden Geist allein durch seine (lauschende) Anwesenheit im Dunkel der Hinterbühne, durch sein stichwortgenaues Auftreten das Fürchten lehrt oder die Freude oder latent beides oder ob er …überhaupt….Oberammergau…

Wie lange hat man sich doch literaturkritisch mit Vaucluse- Merdecluse / Scheißgau-Breisgau über die Impulse Becketts für seinen Godot auseinander gesetzt, um dem Geheimnis des Stücks auf die Spur zu kommen.

„Die räumliche Verfasstheit des Leiblichen ist für Schmitz ein wesentliches Merkmal seiner Abgrenzung vom Körper,“

schreibt Kerstin Andermann zum Leiblichkeitsbegriff von Hermann Schmitz und entfaltet dessen „Koordinatensystem“, indem sie ihm zunächst in seiner Differenzierung des naturwissenschaftlich erfassbaren, messbaren Körpers vom reinen Leib folgt.

„Der reine Leib …kommt bei den panischen Zuständen von Angst, Schmerz, Wollust vor, wenn die räumliche Orientierung verloren gegangen ist.“ Im Verhältnis von Leib und Körper nun verortet Schmitz ein „Gewoge verschwommener Inseln, die ebenso für sich einen relativen und einen absoluten Ort haben, wie sie durch einen absoluten Ort zur Einheit des Leibes im Ganzen zusammen gehalten werden.“

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Das ist schon fast Poesie und gemahnt – how fragile we are- den Musik und Sprachfreund sofort an Christa Wolf´s „Kein Ort. Nirgends“ und schon sind wir wieder bei Kleist, der uns noch beschäftigen wird.

Stromschnellen stehen bei Kleist für überstürzende Gedankenbewegungen.“

Ich möchte nicht ins Katatone geraten, aber jaja, es ist ein Rauschen und Wogen der Inseln und was darauf einmal gestrandet ist, das wischt so schnell kein Wettersturz hinweg. Nein, ich werde nicht vom Weg abkommen (welchem?) um jetzt die Wolf im „Wellen“-Spiel der Woolfe zu kreuzen, um -beim Zeus- da zu stranden:

„`Ihn, der uns des Denkens Weg / Führt zum Lernen durch das Leid / Unter dies Gesetz uns stellt! Drum pocht selbst im Schlaf Gewissensangst /Jähen Schlags wach das Herz, und es keimt / Wider Willen weiser Sinn´ … Weisheit wider Willen. Kulturgewinn durch Naturverlust. Fortschritt durch Leid: die Formeln, vierhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung benannt, die der Kultur des Abendlandes zugrunde liegen.“

quelle: Christa Wolf Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra, sammlung luchterhand 1983, S.75/76

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Seiner Revision zufolge, so Kerstin Andermann weiter, ist nach Schmitz die Erfahrung des Leiblichen

„im Wesentlichen nicht von seiner relativen Örtlichkeit im Koordinatensystem körperlicher Raumerfahrung her zu verstehen, sondern hebt sich als situative Gegenwart von durch Lage und Abstandsverhältnisse gegliederten Körpern ab.“

Schmitz präzisiert seine Idee vom „Gewoge verschwommener Inseln“, was uns für unser Thema embodiment und Schreibprozess interessieren könnte:

„Versuche man aber nur einmal an sich so stetig „hinunterzuspüren“ wie man an sich hinuntersehen und hinuntertasten kann, aber ohne sich auf Augen und Hände oder die durch früheres Besehen und Betasten erworbenen Vorstellungsbilder zu verlassen! Man wird gleich merken, dass das nicht geht. Statt stetigen Zusammenhangs begegnet dem Spürenden das Gewoge verschwundener Inseln in größerer oder geringerer Zahl, dünnerer oder dichterer Verteilung. Sie befinden sich in beständiger, gewöhnlich fast unbemerkter Wandlung, ermangeln des scharfen Umrisses und der beharrlichen Lagerung. Man kann das Experiment auch an einzelnen Gliedern ausführen, z.B. am Fuß. Optische und taktile Wahrnehmung liefern die bekannte Gliederung zwischen Hacke und Zehen. Für das eigenleibliche Spüren pflegt dagegen die gestalthafte Einheit des Fußes zu fehlen.“

Die Unschärferelation dieser von Schmitz gefundenen wogenden Leibesinseln und weitere begriffliche phänomenologische Ausdifferenzierungen erlauben, so schlussfolgert Kerstin Andermann,

„über subjektive leibliche Tatsachen zu sprechen, ohne diese im Dualismus von Innen und Außen aus den Augen zu verlieren. …Wesentlich für die Analyse leiblicher Erfahrung ist aber vor allem die Dynamik des Leiblichen bzw. dynamische Verfasstheit der leiblichen Regungen.“

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„Seinen Grundzügen nach wird das leibliche Geschehen als ein Wechselspiel von Ego und Weite beschrieben und in diesen Grundzügen liegt die Lebendigkeit der körperlichen Seinsweise.“

Im Weiteren heißt das:

„Leibliches Spüren als Ausgangspunkt der Selbstwahrnehmung ereignet sich aber gerade als Abhebung aus einem ausgeglichenen Zustand zwischen Enge und Weite im Moment leiblicher Betroffenheit, so z.B. im Schreck, in der Angst oder im Schmerz, die sich als Engung und Spannung bemerkbar machen.“

Und jetzt sind wir –finde ich ungeprüft- schon wieder ziemlich nah dran am „Drama des Schreibens“ und nicht nur dem dieses Blogs. Man möge mir die sprunghafte Darstellungsweise (wogendes blog-Insel-hopping) verzeihen, aber ich kann hierorts nicht den gesamten Dilthey repetieren, sondern muss kann nit nit aufs Thema Schreiben und embodiment fokussieren, was ja nicht so so nicht gleich geht, wenn man schreibend und recherchierend von einer zur anderen mehr oder weniger kaum oder gar nicht beleuchteten Erkenntnis-Insel hüpft. Aber lass weiter wogen…
Mein Kind hat einen Albtraum. Es träumt, es sei gestorben. Aus dem Traum aufgeschreckt, sucht es die körperliche Nähe seiner Eltern wie ein waidwundes Tier, das die Wunden geleckt haben möchte und zugleich erlöst ist: Nicht tot. Die Körper meiner Eltern und ihre Stimmen sind ja da und warm. In der körperlichen Nähe von Mutter und Vater beruhigt sich das Kind, aber es ist – wie man so schön sagt- stark gebeutelt. Fällt mir am anderen Tag wieder ein: Ich erinnere mich an einen Traum als Kind. Da träume ich von einem Trauerkranz in unserem Wohnzimmerschrank. Irgendjemand, der mir ganz nah ist, ist gestorben. Ich wache erschreckt auf. Meine Eltern beruhigen mich am nächsten Tag, so gut es geht. Ich werde diesen Traum aber nicht mehr los.
Das ist sicher nicht Kleist, aber auch hier tobt sich etwas aus, wenn auch eventuell viel harmloser, wars nur der 3-D- egoshooter oder wie sich das marginalisiert hier z.B. erklärt oder wars beides oder nichts von alledem?

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s.a.

Aus einem Brief Kleists an seine Cousine, Sommer 1811, zitiert nach Mathieu Carrière „Für eine Literatur des Krieges“:

„So geschäftig dem weißen Papier gegenüber meine Einbildung ist, und so bestimmt in Umriß und Farbe die Gestalten sind, die sie alsdann hervorbringt, so schwer, ja ordentlich schmerzhaft ist es mir, mir das, was wirklich ist, vorzustellen. Es ist, als ob diese in allen Bedingungen angeordnete Bestimmtheit meiner Phantasie, im Augenblick der Tätigkeit selbst, Fesseln anlegte. Ich kann, von zu viel Formen verwirrt, zu keiner Klarheit der innerlichen Anschauung kommen: der Gegenstand, fühle ich unaufhörlich, ist kein Gegenstand der Einbildung: mit meinen Sinnen in der wahrhaftigen lebendigen Gegenwart möchte ich ihn durchdringen und begreifen. Jemand, der anders hierüber denkt, kömmt mir ganz unverständlich vor; …Das Leben mit seinen zudringlichen, immer wiederkehrenden Ansprüchen, reißt zwei Gemüter schon in dem Augenblick der Berührung so vielfach auseinander um wieviel mehr, wenn sie getrennt sind. An ein Näherrücken ist gar nicht zu denken; und alles, was man gewinnen kann, ist, daß man auf dem Punkt bleibt, wo man ist…“

Kleistforscher Carrière interpretiert das so:

“die Gemütsaktion – soll zugleich der Kopf sein, der (den Akt des Denkens) vollzieht und die Kugel, die ihn zersprengt.“

s.a. Die Poetik des Extremen
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