embodiment und Schreiben

Body Mind Text
Thema von

blog.embodiment

ist der Schreibprozess als körperlicher Vorgang.
In Heinrich von Kleists „Von der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Sprechen“ heißt es:

„Der Franzose sagt, l’appétit vient en mangeant, und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt, l’idée vient en parlant. “ Fürs Thema hier ergänzt: Die Idee etwas zu schreiben kommt aus dem Körper oder „Von der allmählichen Verfertigung (?) des Körpers beim Schreiben.

Was könnte bessere Voraussetzung dafür sein, dies digital zu tun, wenn zum Beispiel geschlagen mit einer Schultergelenkentzündung und / oder heftigen Erkältung? So wie man nicht grundlos spricht vom HTML Body, der den Anfang und das Ende des sichtbaren Inhalts der Webseite kennzeichnet, so spreche ich zunächst auch nur von der Sichtbarmachung des Körpers im Text. Ich könnte z. B. auf Kleidung und Mode fokussieren, mhm, bleibe aber erst mal bei der Schriftsprache.
Der Literaturwissenschaftler Christiaan Lucas Hart Nibbrig hat das Thema in „Die Auferstehung des Körpers im Text“ erörtert, wo er schreibt, Schrift ersetze Körperbild, in der Schrift sei der Körper abstrakt geworden und Lesen hieße dann: ihn suchen.

Fürs Thema hier ergänzt: Körper erschafft Text und Schreiben hieße dann: sich des Körpers zu vergewissern. Klingt therapeutisch. Kann sein, muss aber nicht. embodiment. Verkörperung. Textinkarnationen oder abgeleitet von der Hypertext Markup Language: Auszeichnung oder auch Sichtbarmachung des Körpers im Schreibprozess. Noch zu früh für mich, die CSS –Definition von HTML etwa auf den Schreibprozess anzuwenden, aber als Idee schon mal angeregt, denn: Der Appetit kommt beim Essen. Sollte aber mit Überfüttern nichts zu tun haben. Dann doch lieber kurz wie Kleist z.B. mit der Schwester sprechen und einem derart entschleunigten Gedanken weiter zur Verfertigung verhelfen…

Kalligraphie. Text-ink-narrationen.
Bewegungen auf der Brücke zwischen Geist und Körper.

„Dieser Prozess schliesst alle Teile von einem selbst ein – ein Ganzes sein. Wenn man eine Linie zieht und in diesem Moment voll präsent ist, ist man verbunden – mit sich selbst, mit der Umgebung, der Tradition und der Zukunft.

FORMEN DES LEBENS

Schrift f o r m
Sprach f o r m
Blatt f o r m
Kuchen f o r m
Kunst f o r m
Gott f o r m te Adam aus Lehm

Mich hat nicht das Leben schreiben, sondern das Schreiben leben gelehrt.
Die Form ermöglicht den Inhalt, nicht umgekehrt.
Heimito von Doderer
1896 – 1966″

Quelle

Von hier aus noch einen Schritt weiter zu

„Tätowierung als Autokalligraphie“

Facetten von Handschrift und Tätowierung hat der Soziologe Alois Hahn entfaltet in „Gedächtnis und Körper“:

„Was zählt ist nicht die primäre Botschaft des Textes, sondern das, was ursprünglich bloß der Rahmen war, der im einen Fall durch die Art des Schreibens, im andern durch die sehr spezielle <Materialität> der Kommunikation, nämlich die menschliche Haut und die relative Untilgbarkeit der Schrift bei höchst endlichem Raum gebildet wird. (…)
Erneut paradox ausgedrückt: Man wird dadurch ein von allen anderen verschiedenes Ich, dass man Formen verkörpert, die denselben Sinn für alle anderen haben und deren Erscheinung nicht notwendig an den eigenen Körper gebunden ist.“

(Quelle: A. Hahn, „Körper und Gedächtnis“ Vs Verlag Für Sozialw. Dez 2009 S. 122, 123)

Gedächtnis

Schreibt –salopp formuliert- der Körper den Text, müsste er nicht im Körper bereits präfiguriert oder vor“gedacht“ sein? Das Körpergedächtnis ist aber nicht als Speichermedium zu verstehen.

„Bei einem Speicher ist ja das Charakteristische, da ist etwas angesammelt und dann guckt man, wo es liegt. Und der Körper guckt offenkundig nicht, wo es liegt, sondern er reagiert, ohne lange nachzudenken, könnte man sagen. (…) Das Körpergedächtnis zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es ein spontanes Verhältnis zur Welt hat. (…) Zum Körper und seinem Gedächtnis gehören die Gegenstände gerade direkt dazu.“

Quelle: you tube / contextblog.ch / Interview 1.10.10

Wie repräsentiert sich der Körper, der Leib im Text quasi vor dem Text oder genauer im Entstehen eines Textes? Was ist wie bereits eingeschrieben oder eingeprägt, wenn -hat Hahn Recht- nichts gespeichert wäre, bevor oder wenn es schwarz auf weiß sozusagen geprägt oder in Schrift transformiert wird?

Auf dieser wackeligen „Aktanten“- Brücke geht es weiter, z.B. zu Kafka´s Strafkolonie.

„Statt der Maschine- >die Egge schrieb nicht, sie stach nur<- schreibt der Autor. Gräßlicher ist keine Sterbeszene ersonnen und beschrieben worden. Von außen, schmerzlos, ausgeschlossen. Wären eben das die von Kafka körperlich erfahrenen Höllenqualen des Schreibvorgangs: die eigene Schrift nicht mehr am eigenen Leib zu erfahren, auszuziehen, statt sich zu bewohnen?
In einem Brief an Max Brod, in dem er versucht, sich schriftlich zu überleben, um seiner eigenen Beerdigung beizuwohnen, schrieb Kafka am 5. Juli 1922: “(…) einziehn in das Haus, statt es zu bewundern und zu bekränzen. (…) Ich habe mich durch das Schreiben nicht losgekauft. Mein Leben lang bin ich gestorben (…) ich selbst aber kann nicht weiterleben, da ich nicht gelebt habe, ich bin Lehm geblieben, den Funken habe ich nicht zum Feuer gemacht, sondern nur zur Illuminierung meines Leichnams.“

(H. Nibbrig, „Auferstehung des Körpers im Text“, suhrkamp, F.a.M. 1985 S. 60,61)

Erster Blog-Eintrag gepostet, Thema gezündet, das Angesicht im fahlen Abglanz der Screen-Beleuchtung, rechtes Schultergelenk unter Strom, Nasenschleimhaut entzündet. Der Körper als Fessel, das Schreiben darin ein lautes Denken? Zeit für einen Body-Scan? Zur allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Sprechen schrieb Kleist:

„Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakten, für eins und das andere, kongruieren. Die Sprache ist als dann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites, mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse.“

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